Glückseligkeiten
Ich
erlaube mir zu schwärmen: Wessel te Gussinklos De opdracht ist das beste
niederländischsprachige Buch,
das
ich je gelesen
das
ich je ins Deutsche übersetzt habe
das
ich im Bücherschrank stehen habe
und
das ich jedes Mal, wenn ich es in Händen halte und darin blättere und lese,
noch mehr zu schätzen weiß als das vorige Mal, als ich es in Händen hielt und
darin blätterte und las.
Der
Autor dieses allerbesten niederländischsprachigen Buchs ist auch der netteste
Autor, den ich kenne, dem ich aber unter die Augen zu treten mich kaum mehr
traue, da es mir trotz aller Bemühungen bisher nicht gelungen ist, einen
deutschen Verlag für dieses allerbeste niederländischsprachige Buch zu finden.
Wofür ich mich schäme und mich auch schäme für den Literaturbetrieb eines
Landes, das sich früher einmal rühmen durfte, die Heimat der Dichter und Denker
zu sein, und mich auch schäme für viel zu viele niederländischsprachige Bücher,
die ins Deutsche übersetzt werden und die dieser Literaturbetrieb sehr wohl erduldet,
obwohl diese nur eins sein können: viel schlechter als Wessel te Gussinklos De
opdracht.
Natürlich
ist Wessel te Gussinklos De opdracht dick, sperrig, intellektuell und anspruchsvoll
in Gegenstand und Sprache und zu allem Überfluss noch mit einem Protagonisten
gesegnet, den man mit viel Wohlwollen kam anders als ein „kl… A…“ bezeichnen
kann. Worauf es allerdings nur eine schulterzuckende Antwort gibt: „Na und?“ –
oder noch besser: „Eben drum!“ Man braucht kein drittes Auge, um zu erkennen,
dass hier ein Autor am Werke ist, der die Sprache noch beherrscht statt sie zu
schänden, beleidigen, strapazieren, manipulieren, foltern, erniedrigen, missbrauchen,
kurz zu halten, zu unterschätzen, demütigen, quälen, ärgern, plagen, verzerren,
vernachlässigen, verballhornen, verquasten, verhohnepiepeln, verkrüppeln oder
zu zerkochen, zermanschen, zertreten, verlachen, verlächerlichen, massakrieren
und morden.
So
einem Buch wünscht man viele Leser, man wünscht ihm Erfolg.
Doch
was, wenn dieser Erfolg ausbleibt?
Und
was ist Erfolg eigentlich?
Das
Gekreische delirierender Feuilletons? Will man sich wirklich be- und manchmal
aburteilen lassen von Rezensenten, die weder gründlich lesen noch gründlich
schreiben, weil sie sich meist weigern, gründlich zu denken – auch weil das
Rezensionshonorar auch selten dazu einlädt? Will man sich wirklich freuen an
der positiven Rezension eines Praktikanten der Hinterdupfinger Nachrichten
und daran, dass der Verlag als Folge dessen die markige Zeile stolz bei der
nächsten Auflage auf den Umschlag druckt?
Eine
zahlenmäßig große Leserschaft? Leute, die ein Buch oft nur deshalb für gut
halten, weil eine beeindruckende Mehrheit das tun, weshalb eine zahlenmäßig große
Leserschaft eine Herde auserlesener Schafe ist, die zwar alphabetisiert blöken kann,
doch vom richtigen Lesen nicht allzuviel Ahnung haben.
Zugegeben:
Ich habe zwei Anläufe gebraucht für Wessel te Gussinklos De opdracht. Zugegeben:
Ich bin noch immer eine Lehrende im Lesen. Lesen macht Mühe, so wie das Leben
Mühe macht, wenn man es richtig machen will.
Nie
aber ist bei Erfolg von diesen wenigen die Rede, die sich beim Lesen diese Mühe
machen. Warum eigentlich nicht? Warum spielen die Glückseligkeiten kaum eine
Rolle, die so ein Buch im Leben eines Lesers hervorzurufen imstande ist?
Glückseligkeiten,
von denen ich nur zwei nennen möchte und die ich jedem wahren, angestrengten
und doch vergnügten Leser wünschte, z.B. jene, die mich beim lesenden
Übersetzen von Wessel te Gussinklos De opdracht ganz allmählich
heimsuchte: Die Erkenntnis, dass gute Bücher weniger der ganz großen
Geschichten wegen erzählt werden, sondern vornehmlich der Sprache wegen.
Definiert sich gute Literatur also eher über die Form als über den Inhalt? Das
wage ich nicht zu behaupten, doch ich weiß, dass eine Geschichte noch so toll
sein kann, wenn die Sprache, mit der sie erzählt wird, nichts taugt, ist sie
nichts wert. (Wobei sich natürlich unweigerlich die Frage stellt, in welchem
System dieses „taugen“ und „wert sein“ maßstabsbilden
sind) Wahre Literatur vermittelt sich übers innere Ohr. Die Sprache mit ihrer
Melodie und ihrem Rhythmus lässt die Stereozilien schwingen und dieses
Schwingen setzt sich in den Windungen des Gehirns fort, und wenn es dann dort
ordentlich klingt, flirrt und swingt, dann ist der lesende Geist bereit für
das, was dieses Klingen, Flirren und Swingen ihm sagen will – er hält inne und
lauscht. Nun ist der Geist bereit, in
Ewout nicht mehr nur das „kl… A…“ zu sehen, sondern ihm, dem Autor und der
Literatur zuzuhören, sie zu beobachten und schließlich zu verstehen und zu
erfahren, dass hier große Literatur stattfindet und gleichzeitig eine große
Geschichte erzählt wird.
Die
zweite Glückseligkeiten ist eine Folge davon und besteht in der Erkenntnis, dass
mit einer einzigen Szene ein Buch stehen und fallen kann. Durch diese Szene
liegt dem Leser alles bisher Gesagte und alles noch zu Sagende offen vor ihm: er
steht plötzlich vor einer weiten Landschaft und alle wenn auch vergnügliche Mühe
des Bis-hierher-Gelangens fällt von ihm ab. In Wessel te Gussinklo ist dieser Glückskern
ein Brief über Kaninchen. Nun weitet sich dem Leser die Brust und auf dem Gesicht
breitet sich das verlegene, bewundernde und offene Lächeln aus, das ihn auch
dann noch schmückt, wenn er in Gedanken dem Autor entgegentritt und ihm mit
festem Händedruck ganz einfach nur dankt.
Ist
auch so was Erfolg? Ist es denn kein Erfolg, wenn es nur vergleichsweise wenige
sind, die das Glockengebinde des Gehirns durch Romane wie diesen zum Erklingen
bringen wollen? Und dass es auch nur vergleichsweise wenige sein können, weil
nur sie seit der frühesten Jugend nichts anderes tun, als Lettern zu fressen
und das nicht nur, um in profanen Unterhaltungen Kurzweil zu treiben, sondern
aus Lust- und Überlebensgründen. Allerdings sind die mit dem seltenen Oberstubengeläut
auch selten diejenigen, die auf Jahrmärkten die große Tröte tröten, klebrige
Zuckerwatte an den Meistbietenden verhökern und mit feistem Grinsen dem
Gegenüber nur deshalb anerkennend auf den Rücken klopfen, weil sie nur sich selbst
in die Brust werfen wollen. Obwohl – ein bisschen Jahrmarkt kann ganz
unterhaltsam sein.
Sollte
der Tag kommen, an dem Wessel te Gussinklos De opdracht tatsächlich auf
dem deutschen Markt erscheint, dann möchte ich gerne wieder an jenen Teil der
Literatur glauben, der sich so hässlich und gern Betrieb nennen – und vielleicht
auch wieder an das Land der Dichter und Denker. Und dann endlich werde ich dem
Urheber meiner Glückseligkeiten auch ohne Scham unter die Augen treten können.